Reisetauben und Rassetauben

Aussehen von Rassetauben oder Heimkehrleistung von Brieftauben

Eigentlich wollte meinen Blog nur dem Überlebenskampf von Stadttauben widmen und gar nichts über Rassetauben und Taubenzucht schreiben, doch leider ist eine mit dem anderen untrennbar verbunden.

Von Menschenhand gezüchtete Taubenrassen gibt es seit dem Altertum. Der ursprüngliche Vorfahr war die Felsentaube,  von ihr stammten Feldtauben und die Haustaube ab.  Zahlreiche Arten wurden aus Feldtauben gezüchtet, welche sich als Nutztier – ausgenommen im Winter – unabhängig ernährten und fortpflanzten.  Die Zucht an sich richtete sich nach vom Menschen festgelegten Merkmalen hinsichtlich des Aussehens und der gewünschten Leistung. Dadurch entstanden bei der Domestikation eine Vielzahl an Veränderungen hinsichtlich Wachstum, Körperbau, Fortpflanzung und Verhalten.

Opfer von Brieftaubensport und  Reiseveranstaltungen

Wie bereits gesagt: Menschen züchteten Tauben ganz nach ihren Bedürfnissen. Zum Bewundern. Zum Essen. Zum Kommunizieren. Noch bis  vor gar nicht so langer Zeit wurden noch echte Brieftauben  eingesetzt. Aus ihnen wurden nach dem 2. Weltkrieg die sogenannten „Rennpferde des kleinen Mannes“ – wobei wir nun beim Thema sind: den Wettspielen mit dem Reisetauben.

Typische Präsentation von Brieftauben
Präsentation einer Brieftaube mit Augenmerkmalen, die Rückschlüsse auf ihre Leistungsfähigkeit erlauben

Die Taube als Geldmaschine im Brieftaubensport

Meines Wissens nach ist Belgien eigentlich das Ursprungsland der Taubenwettflüge. Dort wurden schon in den 30er Jahren von Züchtern und Reisestrecken organisiert und Konkurse ausgepreist, darunter verstehen die „Sportsfreunde“ die Ankunftszeiten der Tauben.

Europäische Hochburgen im Brieftaubensport sind auch Deutschland (besonders im Ruhrgebiet), die Niederlande und stark im Kommen ist  Polen.

Laut der Dachorganisation, dem Verband Deutscher Brieftaubenzüchter, gibt es aktuell rund 64.000 registrierte Mitglieder – die landesweit in 67 Regionalverbänden und 671 Reisevereinigungen und in ca. 8000 Vereinen organisiert sind .  Bei ganz vielen Züchtern geht es längst nicht nur um  ein „faszinierendes Hobby“ sondern um viel Geld, dass in die Taubenzucht gesteckt, damit hinterher ein lukratives Geschäft herauskommt. Jährlich findet in Dortmund eine  große Brieftaubenmesse mit internationalem Publikum statt – seit einigen Jahren auch interessant  für reiche Kunden aus China, wo der Brieftaubensport erst noch richtig im Kommen ist. Manche preisgekrönte Brieftaube geht dann für Unsummen nach Fernost.

So werden Brieftauben für Preisflüge gedrillt

Um die Flugleistung ihrer Tauben für den Reisebetrieb immer weiter zu  optimieren, bedienen sich die Züchter zweier  Motivationskonzepte:

Die Wittwerschaftsmethode: Sehnsucht nach dem Partner

Vor dem Reiseeinsatz werden die Tauben von einander getrennt, also zu Strohwitwern gemacht. Die entsprechend der Trainingszeiten schnellere Taube  muss fliegen, die schwächere  daheim im Schlag auf den Partner warten. Hat der Flieger den Heimatschlag wohlbehalten erreicht hat, dürfen beide Geschlechter wieder eine Zeit lang zusammenbleiben, bis sie wieder erneut entzweit werden.

Die Nestmethode: Sehnsucht nach der Brut

Bei dieser Methode baut auf den Brutinstinkt der Vögel. Das heißt, die betreffenden Tauben werden auf die Reise geschickt, während sie  gerade brüten. Um den Brutinstinkt noch weiter zu anzukitzeln, täuschen gewiefte Züchter ihren Tauben einen kurz bevorstehenden Schlupf vor oder setzen den Eltern kurz vor dem Flug noch schnell ein Küken ins Nest. In der Hoffnung, dass so die Tempoleistung noch deutlich gesteigert werden kann. Das Fatale an der Methode ist: Die Tauben leben während der viele Wochen andauernden „Reisezeit“ im permanenten Konflikt mit ihrem natürlichen Lebensrhythmus (paaren,legen brüten), geraten in einen enormen Stress und verlieren schnell ihre Kräfte.

Brieftaubensport ist ein unfaires Wettspiel

Klassische Brieftaubeneinsätze wie in der Vergangenheit gibt es wie gesagt längst nicht mehr.  Heutzutage werden Brieftauben fast nur für kommerziell ausgerichtete Flugwettbewerbe gehalten und gezüchtet.

Züchter und Veranstalter (sie selbst nennen sich Sportsfreunde) nutzen das hervorragende Heimfindevermögen der Tauben aus und trennen als zusätzliches Druckmittel vorher die Taubenpaare voneinander. Im Fachjargon nennt man das verwitwen.

Die Gefahren für die Tauben und überhaupt das ganze Treiben hinter den Fassaden wird  von Sprechern der  Schlaggemeinschaften heruntergeredet und  in der Presse so gut wie nie behandelt. Stattdessen liest man nur Artikel voller Verharmlosung und Lobhudelei wie zum Beispiel in diesem aktuellen Artikel. Darin steht folgendes Zitat veröffentlicht:

„…Schnell sind ihre Täuberiche bei Preisflügen, weil sie sich auf die Täubinnen freuen: Nach dem Flug dürfen sie direkt zur Gefährtin. …Tauben sind treu, sie kommen immer zum selben Weibchen zurück…“

Jedes Jahr werden in der Saison bei den  Reiseport-Veranstaltungen tausende Brieftauben für Flugeinsätze zu weit entfernten Auflassorten transportiert. Von dort sollen sie  im Wettbewerb zum heimatlichen Schlag zurückfliegen. Es gibt Flugeinsätze mit unterschiedliche Distanzen

  • Flüge von Jungtauben: 100 bis 300 Kilometer
  • Kurzstreckenflüge: ca. 500 Kilometer
  • Langstreckenflüge: 1000 bis 2000 Kilometer

Die flinkesten Tauben erhalten Preise, viele kehren hingegen nie wieder zurück, weil sie unterwegs von Raubvögeln erwischt werden, bei schlechtem Wetter die Orientierung verlieren oder einfach den Strapazen nicht gewachsen sind.  Verirrte Tauben, die diese Odyssee dennoch überleben, suchen Anschluss such Anschluss bei Schwärmen in Städten und ländlichen Wohngebieten. So werden aus Brieftauben eben verwilderte Stadttauben.

Noch nie habe so viele gestrandete Brieftauben in Düsseldorf und Köln gesehen wie seit diesem Frühjahr. Hauptsächlich liegt es sicher daran, dass die Brieftaubensportler trotz der durchgehend heißen Temperaturen ihre Tauben auf die Reise schicken. Exemplarisch zeige ich dir eine beringte Brieftaube, die ich im Düsseldorfer Hofgarten fotografiert habe.

Verirrte Brieftaube im Düsseldorfer Hofgarten
Eine der Brieftauben, die ich 2018 im Düsseldorfer Hofgarten gesehen habe

Blicke hinter die Fassaden zeigen das Schicksal vieler Tauben

Es gibt noch keine genauen Angaben, wie viele Tauben in dieser Reisesaison schon ihr Leben lassen mussten. Wenn man die Meldungen in den Foren aufmerksam verfolgt und gelernt hat zwischen den Zeilen zu lesen, dann dürfte die Verluste durch die Wettspiele dieses Jahr enorm hoch sein.

Das traurige Ende von Reisetauben 2018 in Dortmund

Die folgenden Aufnahmen, die  ganz aktuell 2018 im Ruhrgebiet gemacht worden sind, hat mir freundlicherweise Mira von GREY PIGEON DORTMUND zur Verfügung gestellt:

Tödlich verletzte Reisetaube
Diese Reisetaube erlag an ihren fürchterlichen Verletzungen R.I.P.
Tote Brieftaube 2018 - gefunden im Raum Dortmund
Irgendwo in der Nacht auf der Strecke geblieben. R.I.P.

Videomaterial über das Brieftaubenwesen von PETA Deutschland

Wie du bei PETA Deutschland  und anderen Tierrechtsorganisationen sehr gut nachlesen kannst, ist der Umgang mit den Tieren – vor allem den Brieftauben (siehe Peta-Bericht) und Hochzeitstauben  –  nichts anderes als gewissenlose Tierquälerei.

Im folgenden Video von PETA Deutschland  kannst du ebenfalls tief hinter die Fassaden der Schlaggemeinschaften blicken, so wirst schnell das wahre Gesicht des Brieftaubensports erkennen:

(Achtung: Das Video enthält extrem brutale Sequenzen, erweiterter Datenschutzmodus ist aktiviert)

Zum Schluss noch weiterführende Links zum Thema:

WDR-Beitrag zur  Brieftaubenmesse 2018 in Dortmund

Erschöpftes Fundtier in Edewecht Osterscheps

Rheinische Post: Tauben finden nicht mehr zurück

Brieftauben-Doping mit Kokain in Belgien

Ziertauben und Fleischtauben

Dann gibt es Züchter spezieller Rassen,  Schautauben, die für ihr Aussehen auf Wettbewerben prämiert werden. Eine heute etwas seltenere Variante ist hierzulande die Zucht von Fleischtauben, die später als Delikatesse im Suppentopf oder Ofen landen sollen. Kurzum: Bei der Taubenzucht handelt es sich in den seltensten Fällen um eine reine Hobby-Leidenschaft aus Liebe zur Taube, sondern vielmehr um Profite, Pokale und nicht zuletzt das eigene Ego.

Hochflieger und Flugakrobaten

Kommen wir nun zu Tauben, die nach ihren Flugeigenschaften gezüchtet und bewertet werden:  Hochflieger, Dauerflieger oder Purzler, das sind Tauben die sich mehrmals im Flug überschlagen können.

Hochflieger gelten als besonders  ausdauernd, sie drehen ihre Kreise in enormen Höhen und können sich Stunden in den Lüften aufhalten. Die Züchter lassen  ihre Schwärme auf ein bestimmtes Zeichen ab- und anfliegen – vorausgesetzt, dass sie nicht  ein Wanderfalke erwischt hat, wie in diesem Video eines Taubenhalters zu sehen ist.

Tauben als Opfer von Qualzucht

Andere Rassen haben kaum artgerechte Merkmalen gezüchtet, die den Tieren ein natürliches und angenehmes Leben ermöglichen, sondern eher zur Belustigung  ihrer Halter. Dazu gehören meiner Meinung auf jeden Fall, Tauben deren Füße nahezu vollständig mit Federn besetzt (belatscht) so dass sie kaum laufen können und die sogenannten Bodenpurzler, die nicht mehr in der Lage sind, zu fliegen sich stattdessen nur auf dem Boden überschlagen – solange, bis sie schlussendlich total erschöpft und orientierungslos irgendwo am Boden liegen bleiben. Wie Menschen an solch abartigen Schauspielen ihre Freude haben können, ist für mich nicht nachvollziehbar. 

Illegale Tötung von Greifvögeln durch Kamikaze-Tauben

Nicht nur Brief- und Zuchttauben sind die Opfer von menschlicher Gier, auch deren natürliche Feinde, darunter auch geschützte Greifvogelarten, welche den Züchtern eh ein Dorn im Auge sind, werden mit skrupellosen Methoden verfolgt.  Da Taubenzüchter häufig Verluste wegen Raubvögeln beklagen, hat der eigene Verband für ein Bejagung von Bussarden und Falken plädiert.

Brieftaubenzüchterverband fordert Jagd auf geschützte Greifvögel

Während in der Vergangenheit eher Lebendfallen eingesetzt worden waren, nimmt seit einigen Jahren eine andere Form von Umweltkriminalität zu: Wertlose Tauben aus dem eigenen Bestand oder eingefangene Ringeltauben, deren Gefieder mit Gift präpariert worden war, werden direkt im Revier eines Greifvogels aufgelassen – sogenannte Kamikazetauben.

Die Folgen solcher Angriffe auf Habichte, Bussarde und Falken sind verheerend, weil jedes andere Tier, das mit den Kadavern in Berührung kommt, ebenfalls vergiftet werden kann. In der Schweiz wurden bereits einige  Täter überführt und vor Gericht gestellt. Wie auch in Deutschland vergiftete Tauben als Köder missbraucht wurden, kannst du in den folgenden Artikeln nachlesen:

Giftige Köder für Greifvögel in Kappeln

Giftköder bringt auch Menschen in Gefahr