Wie Nothilfe für Tauben behindert wird

In der vergangenen Woche entdeckte ich an drei verschiedenen Hotspots (hauptsächlich Altstadt, Münsterplatz und Bertha-von-Suttner-Platz)  eine Reihe hilfsbedürftiger Tauben, die dringend hätten gesichert und versorgt werden müssen. Darunter mehrere Vögel mit extrem verschnürten Füßen, eine, die extrem aufgeplustert und apathisch am Rand saß und dazu noch verirrte Brieftauben, die völlig erschöpft wirkten und mit der Dynamik verwilderter Stadttauben ganz und gar nicht klar kamen. Immer war ich rechtzeitig vor Ort. Und gerne hätte ich geholfen.

Kranke augeplusterte Taube in der Altstadt von Düsseldorf
Diese Taube war offensichtlich schwer krank

Leider scheiterten – wieder einmal – alle Bemühungen an Kindern, die urplötzlich schreiend auf die Tauben los rannten und Panik auslösten – während ihre Mütter in unmittelbarer Nähe standen und teilnahmslos zuschauten. Auf meine Bitte, die Kinder zurückzuhalten, reagierte keine. Fixiert auf ihren Nachwuchs, völlig  desinteressiert an der problematischen Situation, in der ich mich empfand. Da kann man sagen, was man will. „Hallo, ich möchte gerne einer kranken Tauben helfen“ oder „man will in Ruhe fotografieren“. Jede höfliche Bitte stieß auf taube Ohren und Verständnislosigkeit.

Verirrte weiße Brieftauben in Derendorf
Weiße Brieftaube, die trotz Hunger extrem schüchtern war

Der extremste Fall ereignete sich letzten Samstag am Münsterplatz, als – trotz meiner Bitten – wieder durch ein hinterrücks anlaufendes Kind ein ganzer Schwarm Tauben in Richtung Straße los flogen und Autofahrer so verunsicherte, dass sie unter lautem Hupen zum Bremsen gezwungen wurden. Das hätte auch schief gehen können.

Taubenpanik
Plötzliche Panik, als ein Kind von hinten auf die Tauben zurannte

Es will mir einfach nicht in den Kopf, worin die fehlende Empathie begründet ist. Haben heute Eltern ihren Spaß daran, wenn ihre Kinder schwächere Tieren gezielt jagen und verängstigen oder ist ihnen das aggressive Verhalten der Kleinen einfach nur egal? Wie dem auch sei, es gibt das Tierschutzgesetz, das ganz klar die mutwillige Beunruhigung von wildlebenden Tieren verbietet.

 

§ 39 BNatSchG – Allgemeiner Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen; Ermächtigung zum Erlass von Rechtsverordnungen

https://dejure.org/gesetze/BNatSchG/39.html

Dass kleinere Kinder das Gesetz noch nicht verstehen können, ist schon klar, aber die Eltern sollten es schon. Aus dem Grund werde ich zukünftig einen Ausdruck des Paragraphen §39 bei mir haben und denen unverzüglich in die Hand drücken.

 

Hungertod von Jungtauben am Hauptbahnhof Düsseldorf

Sterbende Jungtaube am Taxestand des HBFs Düsseldorf

Den Notruf las ich in Facebook gegen 20:15 Uhr – gerade eine halbe Stunde später, nachdem er aus einer Gruppe weitergeleitet worden war, die sich um der hilfsbedürftige Wildvögel kümmert.  Ein Mitglied hatte dort kurz vor der Abreise eine Taube gemeldet, die ihr am hinteren Eingangsbereich zum Bahnhof (Bertha-von-Suttner-Platz) aufgefallen war, weil sie eine Schlagseite hätte und sich kaum noch auf den Beinen halten könnte. Ich ahnte zwar schon Schlimmes und fuhr direkt los, um nach dem Tierchen zu schauen.

Gegen 20:50 Uhr war ich vor Ort. Da lag sie nun – eine Jungtaube.  Noch genau an der Stelle, die zuvor in Facebook beschrieben worden war. Neben Kippen, Dreck und einer Pfütze, in der ein fetter Ölfilm schimmerte. Ein Flügel stand etwas komisch ab, womöglich war er gebrochen. Als ich sie vorsichtig berührte, zeigte das arme Täubchen  kaum Reaktion – nur die Augen öffneten sich halb.

Halbtote Jungtaube am Bertha-von-Suttner-Platz
Die Taube lebte zwar noch, aber es war hoffnungslos

Ich hob das Tierchen auf, betaste vorsichtig den Körper und erschrak. Unter dem Federkleid  bestand es eigentlich nur noch aus Haut und Knochen.  Die Taube war völlig ausgehungert. Vielleicht war sie aus dem  Nest gefallen und schon seit einiger Zeit ohne Nahrung und Wasser gewesen. Vor dem Sterben suchte sie nur noch Schutz in dieser abartig verschmutzten Ecke. Es war ein so verdammt trauriger Anblick. Und es war klar, dass das Täubchen bald sterben würde.

Der geschundene Körper einer Jungtaube
Bei dem Anblick standen mir die Tränen in den Augen

Der Übergang sollte aber keinesfalls an diesem Ort stattfinden. Ich legte die Kleine in meinen Vogeltransporter, nahm die nächste U-Bahn zurück und bette sie auf einer weichen Unterlage im Taubenstall.  Zwischendurch versuchte ich ihr noch etwas zu trinken anzubieten, was leider fehlschlug. Sonnenblumenkerne hätte ich ihr in dem Zustand nicht gegeben, die waren noch von einer vorherigen Taube übrig geblieben. Dem ausgemergelten Körper fehlte jegliche Kraft noch etwas aufzunehmen. Wie denn auch? Die Taube wog nur noch 184 g.

Die Taube wog nur 184 Gramm
Die Waage zeigte ein bedrohliches Untergewicht.
Der Übergang folgte bald
Der Körper war zu schwach für ein Überleben.

Das Einzige, was ich noch tun konnte, war Sterbebegleitung. Ich nahm die kleine Taube in die Hand, streichelte sie, um ihr Wärme für den Übergang zu geben, wobei sie sogar noch einmal, ganz kurz, die Augen öffnete, bevor diese unfreundliche Welt verließ. Ein leichtes Zucken ging durch den kleinen Körper, das Köpfchen fiel zurück  – sie hatte es geschafft.

Verirrte Brieftauben in Düsseldorf

Belgische Brieftaube in Düsseldorf verirrt

Es ist wohl der heißeste Sommer seit vielen Jahren – vergleichbar mit 2003,  als wir in NRW auch über einen längeren Zeitraum Temperaturen oberhalb der 30-Grad-Marke hatten.

Tauben leiden unter der Hitze in Düsseldorf
Die Hitze machte allen Tauben arg zu schaffen

Wettspiele mit Brieftauben bei 35 Grad Celsius

Aus diesem Grund verhängte der Verband Deutscher Brieftaubenzüchter – zumindest bis zum 8. August 2018 –  landesweit eine generelles Flugverbot. Dieses galt allederdings nur für Verbandsmitglieder.  Folglich  war es ausländischen Züchtern möglich, trotz Hitze in Deutschland ihre „Tauben zu schicken“ (Züchtersprache), sodass Vögel, die den Strapazen nicht gewachsen waren, sich unterwegs absetzten und  völlig erschöpft auch hier in Düsseldorf oder Köln landeten.

Verirrte Brieftauben in Düsseldorf und Köln

Ich bin ziemlich sauer auf diese Züchter und Konsorten. Die bezeichnen sich ja gerne selbst große Liebhaber von Tauben und Tierfreunde. Wer soll das bloß glauben?  Tauben bei solchen Wetterbedingungen auf die Reise zu schicken,  ist Tierquälerei in schlimmster Form. Und ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor in so kurzer Zeit so viele blau, grün oder gelb beringte Brieftauben gesehen zu haben. An der Domplatte oder auf dem Breslauer Platz in Köln, in Düsseldorf in der Altstadt, am Kö-Bogen und Umgebung mischten sie sich unter die Stadttauben – und dort blieben sie Außenseiter, entweder weil sie schwächelten oder/und mit der Gruppendynamik der ansässigen Tauben kaum zurecht kamen.

Verirrte Reisetaube in Düsseldorf Oberbilk
Blau beringte Brieftaube, gesehen in Düsseldorf Oberbilk

Reisetaube aus Belgien im Hofgarten

In der vergangenen Woche sicherte ich eine Taube aus Belgien, die völlig orientierungslos, ausgehungert und dehydriert war. Sie trug zwei Ringe, allerdings keinen mit Chip. Der grüne Ring hatte die Landesbuchstaben BE  und eine Registriernummer, auf dem zweiten gelben Ring, wohl ein Verbandsring,  stand nur die Zahl 5. Dem äußeren Anschein nach handelte es sich um einen noch sehr jungen Vogel, möglicherweise noch aus diesem Frühjahr. Leider versäumte ich, mir den Zustand der Schwungfedern anzuschauen und zu fotografieren, um einen Experten zu fragen und mir Klarheit zu verschaffen.

Foto von einer ausgehungerten Brieftaube aus Belg
Schnappschuss von einer Brieftaube aus Belgien – hungrig, durstig und erschöpft

Leider nur eine  kurze Erholung

Zu Hause gab ich der Taube eine leckere 7-Körnermischung und bot ihr dazu reichlich  Wasser an. Eigentlich sollte sich kleine Taube sich noch ein paar Tage bei mir erholen. Sobald das Wetter es zuließ, wollte ich sie wieder fliegen lassen, damit sie wohlbehalten zu ihrem Heimatschlag zurückfindet. Doch wieder galt: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt.

Mit der Nahrung kehrte recht bald die Vitalität zurück. Am frühen Morgen lief eine unglaubliche Randale im Käfig ab. Die Taube wollte unbedingt wieder raus. Hm, dachte ich, vielleicht ist sie ja auch verwitwet und hat nichts anderes als ihren Partner im Kopf, den sie so sehr vermisst. Ich überlegte hin und her, letztendlich entschloss ich mich, sie am gleichen Morgen noch vor der Arbeit wieder zu entlassen. In der Hoffnung, dass sie sofort weiter nach Belgien flöge. Zu dumm, ich hatte mich wohl geirrt.

Belgische Brieftaube noch nicht weggeflogen
Eine fremde Brieftaube unter heimischen Stadttauben

Zwei Tage später lief die Belgierin erneut  inmitten  einer Gruppe ansässiger Stadttauben hin und her, zeigt sich sehr schüchtern und wurde zudem von anderen Tauben ordentlich gehackt. Das machte mich sehr traurig. Vielleicht braucht sie ja noch etwas Zeit. Ich versuche, dran zu bleiben.

 Gefahren, denen Reisetauben ausgesetzt werden

Auch wenn das Wetter milder ist als in den vergangenen Wochen,  halte ich die Wettflüge  der Brieftaubenverbände für einen Missbrauch der Orientierungsfähigkeit von Tauben, der sich heute durch nichts mehr rechtfertigen lässt. Viele Züchter beteuern zwar lautstark, dass sie alles tun würden, um ihre Tauben wieder heil nach Hause zu bekommen. Es bleiben dennoch enorme Risiken, denen  sie die Tiere  auf jedem Flug erneut aussetzen. Vor allem solche, die sich selbst mit moderner Technologie kaum beeinflussen geschweige denn verhindern lassen. Auf allen Strecken lauern Greifvögel, denen die Reisetauben  zur Beute werden. Manche Vögel landen auf Fahrstraßen, die sie irrtümlicherweise  für Wasserstellen halten und werden überfahren.  Ebenso kann es passieren, dass Tauben, die im Schwarm fliegen, Stromleitungen nicht schnell genug ausweichen können und schwer verletzt werden wie das folgende Foto zeigt, das Stefan Bröckling vom Tiernotruf.de kürzlich fotografiert und mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Schwer verletzte Reisetaube
Vermutlich durch Kabel schwer verletzte Taube, fotografiert von Stefan Bröckling

Ein solches Schreckensbild ist natürlich kein Einzelfall. Auch in der laufenden Saison werden unzählige Tauben ihre nächsten Heimkehrflüge nicht überleben. Eine Tragödie, die sich jedes Jahr wiederholen wird, solange Menschen erlaubt wird,  die persönliche Gier nach Ruhm und Geld auf Kosten dieser wehrlosen Kreaturen auszuleben. Beweiskräftige Bilder und Informationen findest du  in Facebook-Gruppen und auf den Seiten von Tierrechtsorganisationen. Kurzum: Dieses unsportliche  Hobby mit Brieftauben gehört in einer humanen Gesellschaft verboten.